Sonntag, April 11, 2021

A Day In Hell (2021)


Einleitung Bei dem nachfolgenden Artikel handelt es sich um einen Tourbericht, den ich in meinen Unterlagen von 2021 noch gefunden habe. Hier erneut veröffentlicht am 27.05.2025.
IMG_0412.jpeg

Tourbericht zur Tour:
https://www.strava.com/activities/16045078585

bieeep … bieeep … bieeep …

Es ist Sonntag der 11.04.2021 - 05.00 Uhr. Ich öffne langsam meine Augen und stelle mir bereits jetzt die Frage, was mich geritten hat, um diese Uhrzeit einen Wecker zu stellen? Aber es hilft ja nichts, aus dem Bett geklettert gleich der zweite Hammer, als ich aus dem Fenster schaue. Alles nass und es scheint noch ganz fein zu regnen.

Ich nehme mein Handy zur Hand und checke die Wetter-App für den Tag. Und die kennt mich mittlerweile einfach zu gut. Würde die jetzt den ganzen Tag Regen anzeigen, würde ich es mir vielleicht doch noch einmal überlegen … aber die Vorhersage stand auf „trocken“, also stark bewölkt, aber die Regensymbole waren weg? Sollte das doch ein guter Tag werden? Spoiler: Es wurde kein guter Tag ;-)

Schon zwei Abschnitte und nur „mimimi“ über das Wetter 😅

Nun denn, unter die Dusche und dann ans Frühstück, denn so ein Ritt braucht eine gute Basis! Danach die sieben Sachen gepackt und … ja welches Rad nehme ich denn? In Anbetracht der Schwierigkeit hätte ich gern das Rennrad genommen, aber mit den 25er Slicks war es mir einfach zu gefährlich. Außerdem war das Rennrad frisch geputzt … nein, ich nehme das Bulls Daily Grinder 2, mein Gravelbike mit 37er Riddler.

Da es keine Essenspunkte gibt, wollte ich nicht auf eventuelle Geschäfte angewiesen sein und so habe ich einfach alles in die Sattelrakete gepackt. PowerBar-Müsli-Riegel, Snickers, Eierwaffeln, eine Banane und dazu je eine 750er Kanne Kaffee und eine Flasche Wasser. Der Elemnt Bolt ist aufgeladen und die Arschrakete unter dem Sattel festgeschnallt - es kann losgehen!

06:58 Uhr steige ich bei ganz leichtem Nieselregen auf das Rad und starte meinen Weg von Mönchengladbach-Hardt nach Düsseldorf zum Start, nur das mein „Tag in der Hölle“ damit schon zwei Stunden früher beginnt. Aber wie das immer bei langen Touren so ist, denkt man am besten gar nicht erst lange über die bevorstehende Strecke nach. Einfach treten!

Auf einem Feldweg kurz vor Korschenbroich fällt mir dann auf, dass ich die Packung mit den Kaugummis zu Hause habe stehenlassen. Aber natürlich habe ich jetzt keinen Bock, deswegen umzukehren, also geht es ohne weiter. Auf den nassen Feldwegen von unten und dem leichten Regen von oben. Spoiler: Das soll sich die nächsten 7 Stunden auch nicht mehr ändern.

Insgesamt 45 Kilometer und 2 Stunden und 10 Minuten später bin ich am Start zu meinem persönlichen „Tag in der Hölle“.

Das 2000 Höhenmeter ein Brett sind, wusste ich vorher. Ich habe einen echten Respekt vor der Route und will es ganz ruhig angehen lassen. Einmal rum … ankommen ist alles! Als „Flachlandratte“ und Vielfahrer in den Niederlanden bin ich ausgedehnte Touren und Radmarathon schon fast gewohnt, aber vor den 108 Kilometern heute habe ich echt Respekt! Aber wie heißt es so schön, immer weiter treten. Ich bin nicht zum Start gefahren, um hier umzukehren, also nehme ich die erste „Rampe“ am Start in Angriff und kurble langsam den Berg hoch.

Hatte ich erwähnt, dass es die ersten 8 Stunden regnen sollte? Nun, der Regen war unser aller Begleiter und passte zum Motto. Meine Fahrradklamotten waren gut gewählt und mir war zu keinem Zeitpunkt kalt oder ähnliches. Ich war irgendwann nur einfach nass.

Nach knapp 12 Kilometern auf dem Track sehe ich in einer Rechtskurve (ich meine am Dorper Weg?) bereits die ersten, die einen Platten Reifen wechseln. Einer ruft mir noch hinterher, dass wir gegen die „Statistik“ fahren und wir uns eigentlich alle gar nicht treffen dürften, also rein statistisch. Ich frage, ob Hilfe benötigt wird. Als dies verneint wird, grüße ich noch einmal und mache mich weiter des Weges.

Bereits auf den Abfahrten hier Richtung „Stindertalweg“ lerne ich eines: Sei immer wachsam, fahre nicht zu schnell und sei bremsbereit. Diese Querrinnen sind zum Teil sehr tief und geben üble Schläge an das Rad weiter, wenn man nicht über jede „springen“ möchte. Da einige Abfahrten „kilometerlang“ sind, ein Härtetest für die Scheibenbremsen.

Da ich allein und mein Tempo fahre, werde ich hin und wieder von anderen Fahrern überholt. Gefühlt muss ich der langsamste Fahrer im Feld sein. Auf dem Erkrather Weg verpasse ich prompt die Ausfahrt und muss einmal wenden. Am Laubach mache ich meine erste kurze Pause und trinke ein wenig heißen Kaffee. Auch hier und im weiteren Verlauf immer wieder diese Querrinnen.

Hin und wieder kommt mir der Spruch aus einem der Star Wars-Filme in den Kopf „Weiter aufs Ziel zu“ … also einfach immer weiter treten. Oh, treten ist ein gutes Stichwort, ich muss einmal „austreten“, und ich hab Hunger! Nun, nach 3 Stunden und 34 Minuten im Sattel und Kilometer 70,3 (seit Mönchengladbach, nicht vom Start) halte ich nach einer Unterführung (ca. 25 Kilometer auf dem Track) an. Es ist 11:32 Uhr und Zeit für eine erste größere Mahlzeit. Wo ich eh einmal stehe, mache ich eine Packung Eierwaffeln mit Vanillezucker auf und esse auch gleich alle drei Waffeln. Die Plastikverpackung kommt wieder in die Satteltasche. Während ich da so in der Kurve stehe und meine Waffeln esse, kommt in nur sehr kurzen Zeitabständen von wenigen Minuten doch gefühlt fast das halbe „Starterfeld“ an mir vorbei gezogen. Ich esse meine Waffeln auf und fahre weiter.

Die nächsten „Stunden“ passiert nicht viel „aufregendes“ … ich werde halt hin und wieder noch von einigen Nachzüglern überholt. Ich fahre weiter „mein Tempo“. Auf Grund der Streckenverhältnisse bin ich froh mich für das Gravelbike entschieden zu haben. Mit dem Rennrad wäre es vermutlich einfach gewesen, aber ich wollte bei dem Wetter einfach nichts riskieren.

Also? Genau, weiter aufs Ziel zu!

Auf dem Weg zur Brücke über die A35 - auf dem Unterdüsseler Weg - überholt mich eine Rennradfahrerin. Nach der Unterführung huschen plötzlich zwei Menschen per pedes aus dem Gebüsch, einer hat eine lange Mikrofonstange in der Hand, von der Böschung herunter und laufen zu einem Auto. Sie fährt langsamer und ich überhole sie. Der Wagen wird jedoch nicht schneller. Es scheint eine Art Begleitfahrzeug zu sein, denn wie ich später sehe (ich werde von beiden im „Geschlängel“ um die Ibacher Mühle wieder überholt), sitzt ein Kamerateam im Auto und filmt sie aus dem geöffneten Kofferraum heraus. Könnte eine interessante Produktion sein, wo kann man den Film sehen?

Nun, immer weiter … ich habe noch den ein oder anderen Kilometer. Und dann war da nach 94,8 Kilometern die nächste 14% Rampe (Angaben laut Komoot) zum „Strumpsberg“ hoch und ich frage mich noch immer, wie ich da oben überhaupt angekommen bin …

Es folgt eine kilometerlange Abfahrt und eine weitere Belastungsprobe für die Bremsen Richtung Velbert-Langenberg. Kurz vor dem Bahnhof dann einmal nach rechts Richtung Frohnberg. Eine gesamt knapp über einen Kilometer lange Rampe mit bis zu 16% Steigung.

Nach 5 Stunden und 42 Minuten im Sattel, bereits 102 Kilometern in den Knochen muss ich hier absteigen. Nachdem ich kurz angehalten hatte, passiert mir am steilen Anstieg dann der absolute Anfängerfehler. Ich komme mit dem Hinterreifen auf einen der nassen Gullideckel. Der Hinterreifen dreht erst durch, rutscht nach rechts weg und ich - kann so schnell nicht ausklicken - lege mich auf die linke Seite. Da ich sowieso kaum Geschwindigkeit drauf hatte, muss das schon ziemlich dämlich ausgesehen haben.

Nun, wo ich einmal hier liege, kann ich auch ne Pause machen und Kaffee trinken. Also schiebe ich mein Rad zur „Kühlersfeld“-Straße um hier nach dem Kaffee wieder aufsteigen zu können. Bei 11% Steigung mit Klickpedalen anfahren … ich wollte nicht noch einen Sturz riskieren, denn beim ersten hatte ich Glück und es war mir nichts passiert.

Schnell wurde mir klar, dass dieser Berg mich geschafft hat. Knapp die Hälfte des Berges musste ich mein Gravelbike da hoch schieben. Is halt so 🤷‍♂️

Jetzt beginnt so der Moment, wo die Abfahrten unangenehm werden. Ich habe vor einigen Kilometern die Handschuhe gewechselt. Eigentlich sollten es „wasserabweisende Winterhandschuhe“ sein. Nun, mit dem Fahrtwind bei den Abfahrten und dem vollgesogenen Stoff werden die Hände schnell kalt wie Eisklötze. Ehrlich gesagt habe ich wenig Lust darauf, dieses Gefühl auf den letzten gut 40 Kilometern weiter zu genießen.

Dann fällt es mir wieder ein, wie ich es bei der Transcimbrica 2020 bereits einmal hatte und ich habe auch bei dieser Tour dran gedacht. Ich halte kurz an, ziehe die dicken, mit Wasser vollgesaugten Winterhandschuhe wieder aus und ziehe mir die trockenen Unterzieh-Handschuhe aus Merinowolle an. Darüber wieder meine feuchten normalen Handschuhe, in denen ich ein wenig Platz für ein gutes Luftpolster habe. Solange ich die Handschuhe nicht zusammenpresse und damit das kalte Wasser direkt an die Hände kommt, habe ich jetzt ein angenehmes Gefühl an den Händen. Nicht kalt, nicht waren, aber im Wohlfühlbereich.

Es ist um die 13 Uhr herum. 104 Kilometer (seit dem Start in Mönchengladbach) geschafft, aber noch weitere 49 Kilometer vor den Reifen und so mache ich nach 108 Kilometern, an einer Bushaltestelle der Dilldorfer Straße, meine letzte „größere“ Pause. Ich öffne die zweite Packung 250 Gramm Eierwaffeln und esse die Hälfte der Waffeln. Kaum um den Kreisverkehr rum, die nächste Steigung …

Im Tannenbusch angekommen, zwingt mich die nächste Rampe mit 13% Steigung dazu, vom Rad abzusteigen und zu schieben. Ca. 30 Kilometer vor Schluss ist mir die Entfernung eigentlich absolut egal, wenn es doch nur „geradeaus“ gehen würde. Aber mit dem Wissen, dass nach den 1700 Höhenmetern bis hier noch min. 300 Meter auf mich warten und der Gedanke an diese 8% bis 13% starkem Rampen lassen wenig Freude aufkommen.

Wenn einem die Restkilometer anfangen schei* egal zu werden und man nur noch in Höhenmetern rechnet, dann wird es im Kopf richtig „hart“: Meine Beine bzw. Oberschenkel sind durch. Alles was über die 6-8% hinaus geht wollen meine Beine nicht mehr treten. Innerlich „schreie“ ich mich an … IST DAS ALLES WAS DU DRAUF HAST?

Nein, ich werde jetzt natürlich nicht aufgeben und ich erinnere mich an den einen Satz vom @LITEMOUNTAINGEAR (twitter), der auf meinen tweet mit „Das wird ein Brett!“ antwortete: „Heißt ja auch nicht „A Day in Paradise“ … 😉“

Recht hatte er und ich quäle mich weiter Richtung Ziel! Ab 15 Uhr lies dann wenigstens der Regen von oben nach. Und auch wenn ich zum Ende hin die ein oder andere Rampe schieben musste, ich bin einmal rum! Nach 9 Stunden und 18 Minuten im Sattel erreiche ich nach 153 Kilometern das Ziel mit meinem Gravelbike.

Eines ist aber ganz schnell klar: Nein, die 40 Kilometer nach Hause fahre ich nicht mehr komplett durch. Ich entscheide mich zum S-Bahnhof Düsseldorf-Zoo zu fahren und dort in die S-Bahn zu steigen. Ein wenig „Wärme“ und Beine ausruhen klingt jetzt - nach 156 Kilometern - sehr verlocken. Ich kaufe am Automaten das Ticket und steige in die 5 Minuten später einfahrende Bahn.

In Neuss steige ich um in einen Regional-Express, der erfreulicherweise bis Viersen durchfährt und so sind es am Ende noch einmal „nur“ noch 8 Kilometer zu dem Ort, wo vor knapp über 11 Stunden alles begonnen hatte. Ich sehe aus wie Sau. Mein Rad sieht aus wie Sau. Ich fühle mich wie Sau…

Zu Hause angekommen gehe durch die Garage in den Hinterhof, wo ich mir die schmutzigen Sachen fast vollständig ausziehe, dort in die Waschmaschine werfe und diese auch gleich anstelle. Ich gönne mir jetzt ein alkoholfreies Hefeweizen und bleibe einfach mal 10 Minuten da sitzen, bevor ich (heiß) duschen gehe. Ein letzter Blick auf den Elemnt Bolt, den ich mit 13% Restakku nach knapp 12 Stunden in Dauerbenutzung ausschalte.

So frisch geduscht leihe ich mir den Niederdruckreiniger vom Nachbarn (geiles Ding, muss ich mir auch mal kaufen irgendwann) und fange an, das Rad im Hinterhof zu reinigen. Es ist einfacher, so lange der ganze Mist nicht angetrocknet ist.

Ein kurzer „Sprung“ zurück…

Eine Story will ich aber noch nachreichen, die mir fast echt den Tag versaut hätte. Sie muss irgendwo auf den letzten 40 Kilometer passiert sein, kann es aber leider nicht mehr genau einordnen.

Ich fahre auf einer schmaleren Straße eine leichte Abfahrt hinunter, wo mir ein Wagen entgegen kommt. Ich hatte ca. 35 bis 40 km/h auf dem Tacho und will auf meiner Seite der Fahrbar so weit wie möglich nach rechts. Die weiße Markierung halte ich bei flüchtigem Blick für „Farbe“, doch es sind 1 oder 2 cm hohe/flache (fast weiße) Bordsteine, die ich nicht sofort erkenne, aber plötzlich zu spüren bekomme. Ich würde jede Wette machen, hätte ich die mit dem Rennrad und den 25er Slick-Reifen so getroffen, ich hätte noch einen Freiflug hingelegt.

Bei recht hoher Geschwindigkeit fahre ich also plötzlich seitlich an diese Randsteine und merke wie das Rad nach rechts kippen will und die Reifen laute Geräusche von sich geben. Das Profil des WTB Riddler kratzt am Bordstein. Geistesgegenwärtig lenke ich „hart“ nach rechts ein. Das Profil greift, ich ziehe den Vorderreifen hoch und ich bin oben auf dem Bordstein und rolle weiter.

Sekunden später ist die Müdigkeit weg und ich wieder wach, hellwach! Solche Aktionen braucht man dann doch nicht, aber es passte zum Tag voller Regen, Dreck und Rampen.

Das war mein „A Day In Hell“. Für manche war es vielleicht nur eine weitere Tour. Ich bin jedoch weit entfernt davon, Strecken mit solchen Rampen mit dem Gravelbike mal eben wegzuballern. Ich bin mit dem, wie ich es geschafft habe, dennoch zufrieden. Nicht aufgegeben, durchgebissen und am Ende trotz der ganzen Anstrengung gedacht: „War schon geil!“

So, und wohin fahren wir nächste Woche? 😉

Danke an Rapha und die Schicke Mütze, für diese Herausforderung. Vielleicht fahre ich die Tour noch einmal, mit dem Rennrad und bei 20 Grad ohne Regen, denn landschaftlich war das schon im Dauerregen echt super! 👍

IMG_0721.jpeg

RSS | ATOM


Kommentar hinzufügen

Die Felder Name und Kommentar sind Pflichtfelder.

Ich verarbeite deine Daten gemäß meiner Datenschutzerklärung.


BBCode Hilfe